Väinö Linna, Tuntematon Sotilas

30. November 2013 | Von | Kategorie: Rezensionen

Im Jahr 2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Hier stellt P.M. Vischer drei finnische Bücher vor, die sich mit Krieg und dessen Folgen beschäftigen.

Väinö Linna, Tuntematon Sotilas bzw. unzensiert als „Sotaromaani“; deutsch „Kreuze in Karelien“ und „Der unbekannte Soldat“: Für jemand, der der direkten Nachkriegsgeneration angehört wie ich, und der die Handlung mit Erzählungen des eigenen Vaters verknüpfen kann, ein ganz wichtiges, erschütterndes Buch. Man muß dieses Buch gelesen haben, um die Politik Urho Kekkonens / Finnlands nach dem Krieg zu verstehen und zu begreifen, daß Finnland mit dem pejorativ gemeinten Wort „Finnlandisierung“ völlig zu Unrecht belegt wurde. Das Buch hat den literarischen Rang von Remarques „Im Westen nichts Neues“. In Deutsch ist das Buch nur noch antiquarisch erhältlich (z.B. www.eurobuch.com)

Väinö Linna, Täällä Pohjantähden alla; englisch „Under the North Star“: Das Buch schlägt anhand der Geschichte von drei Generationen der Kleinbauernfamilie Koskela die Brücke vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1950er Jahre. Anhand des Lebens überwiegend kleinen ländlichen Gemeinwesen arbeitet der Sozialist Linna die Klassenunterschiede heraus, die während des finnischen Bürgerkriegs zur Zerreissprobe und zur Existenzbedrohung Finnlands wurden. Kennt man den Linna’schen Mikrokosmos, so wird auf der Makroebene die Leistung Marschall Mannerheims von der Zeit der Staatsgründung bis zu seinem Ausscheiden aus der Politik noch transparenter. In Englisch sind die drei Bände „Under the North Star“ beim kanadischen Aspasia-Verlag erhältlich (ISBN 0968588166, 9780968588178, 9780968588185) oder antiquarisch über www.eurobuch.com.

„Finland in World War II, History, Memory, Interpretations“, nur englisch: Der 2011 verstorbene Autor Marc Fischer hat als eines seiner letzten Bücher ein Buch mit „Fragen, die wir unseren Eltern stellen sollten (solange sie noch da sind)“ betitelt. In diesem Sinne ließe sich das hier empfohlene Buch „Finland in World War II, History, Memory, Interpretations“, herausgegeben von Tiina Kinnunen and Ville Kivimäki, verstehen. Das  576 Seiten umfassende Buch setzt sich mit den Folgen des finnischen Winterkriegs und des Fortsetzungskriegs für die unmittelbar Beteiligten bis in die Gegenwart auseinander. Nachdem der finnisch-sowjetische Krieg in der Kekkonen-Ära weitgehend tabuisiert war – von Väinö Linna’s „Tuntematon Sotilas“ einmal abgesehen, kommen jetzt verstärkt noch lebende Zeitzeugen zu Wort, bzw. werden sie Gegenstand wissenschaftlichen Interesses. Führende finnische Wissenschaftler untersuchen die objektiven historischen Fakten der finnisch-sowjetische Kriege, ihre soziale und kulturelle Auswirkung auf die Betroffenen an Front und Heimatfront, ihren Eingang in herrschende Ideologien, sowie die Spätfolgen für die Überlebenden. So ist die Aufarbeitung von bis heute wirksamen Kriegstraumen überlebender finnischer Soldaten und anderer ziviler Beteiligten ein Fokus dieses Buches. Im Sinne des eingangs erwähnten Mottos, „Fragen, die wir unseren Eltern stellen sollten (solange sie noch da sind)“ könnte das Buch Anlaß sein, an die letzten noch Lebenden Zeitzeugen die Fragen zu stellen, die uns Nachgeborene bewegen sollten. Tiina Kinnunen and Ville Kivimäki (eds.), Finland in World War II, History, Memory, Interpretations. Verlag: Brill Academic Publishers, Leiden / Boston 2012, ISBN-10: 9004208941 / ISBN-13: 978-9004208940

P.M. Vischer, DFG-Mitglied, Berlin

 

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