Ari Turunen: Bitte nach Ihnen, Madame

31. März 2017 | Von | Kategorie: Aktuell, Rezensionen

Was für eine nette Geste! Genau am 6.12.2016, dem finnischen Unabhängigkeitstag, wird im Sendeformat Dinge des Lebens im Südwestrundfunk (SWR 2) Ari Turunens Buch besprochen, das im Original 2006 in Jyväs­kylä erschien (Ulkokultaisen käytöksen kirja eli eurooppalais­ten tapojen tarina). Oder doch keine Ges­te der Höflichkeit gegenüber Finnland? Sondern eher purer Zufall – wird doch nicht einmal erwähnt, dass der Autor Finne ist. Dessen kurze Geschichte des guten Benehmens, so der Untertitel, will aufzeigen, dass Manieren und höfliches Verhalten jedenfalls nicht zufällig entstanden, sondern der evolutionären Entwicklung des Menschen geschuldet sind.

Homo homini lupus (der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) heißt es in einer über 2000 Jahre alten römischen Komödie. Kein Wunder, wenn dann im Mittelalter die Ritter auf die Idee kommen, Frauen zuerst eintreten zu lassen. Es könnte ja ein Meuchelmörder in den verwinkelten Gängen einer Burg lauern! Was – mehr oder weniger bis heute – als  galant gilt, entlarvt Turunen also als Verhalten, das seinen Ursprung in reiner Berechnung hat und sich im Laufe von Genrationen zur Höflichkeit umformt. Zahlreichen weiteren Beispielen wie diesem geht Turunen nach und beleuchtet ihre oft zweifelhafte Entstehungsgeschichte – vom Hutlüpfen bei der Begrüßung bis zur schicklichen Bademode.

Anders als in seinem Buch Kann mir bitte jemand das Wasser reichen? (Besprechung DFR 171) erwähnt er nun den Soziologen Norbert Elias, dessen bedeutende Studie „Über den Prozess der Zivilisation“ ihm als wichtige Inspiration diente. „Elias light“ könnte man das aufschlussreiche, lesenswerte, vergnüglich geschriebene Buch nennen. Es macht vielleicht auch Appetit, zu noch kräftigerer Kost zu greifen – a propos, nicht zu vergessen die guten Sitten bei Tisch! Über das zivilisierte Zuprosten etwa erfahren wir, dass es „eine weniger zivilisierte Geschichte [hat]. Ursprünglich diente [es] nämlich nur dem Zweck, zum Vollrausch zu gelangen, denn die Gläser wurden um die Wette geleert.“

Die kräftigere Kost, das ist Norbert Elias‘ Werk. Die faszinierenden Gedanken daraus seinen Landsleuten in ihrer Muttersprache näher zu bringen ist sicher ein großes Verdienst, das Turunens Buch in der Originalsprache gebührt. Und der Übersetzerin gebührt großes Lob für die flüssig und angenehm lesbare deutschsprachige Fassung.

Ari Turunen: Bitte nach Ihnen, Madame (Übersetzung: Gabriele Schrey-Vasara), Nagel & Kimche 2016, 200 Seiten, ISBN 978-3-312-01001-1, 19,90 Euro. Eine Rezension aus der Deutsch-Finnischen Rundschau 172 von Siegfried Breiter

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