Ari Turunen: Kann mir bitte jemand das Wasser reichen?

12. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Aktuell, Rezensionen

Turunen_Wasser_reichen_P03.inddSchon der Titel ist herrlich. Allein dafür gebührt der Übersetzerin Gabri­ele Schrey-Vasara (oder den Marketingleuten des Verlags) großes Lob. Dem reicht der Originaltitel­ Ettekö te tiedä, kuka minä olen (Wissen Sie nicht, wer ich bin) nicht das Wasser. Der Untertiel Eine kurze Geschichte des Hochmuts (Ylimielisyyden historiaa) lässt an den großen Soziologen Norbert Elias denken, der die Entstehung und Verände­rung von menschlichen Verhaltensweisen aufgezeigt hat. Diese Erwartung erfüllt der Wissenschaftsjournalist Ari Turunen, der für verschiedene Medien gearbeitet hat und heute Vorträge zu kulturgeschichtlichen Themen hält, mit seinem Buch allerdings nicht. Vielleicht sollte der Untertitel des 2010 auf Finnisch erschienenen Buches eher Arroganz in der Ge­schich­te heißen. Denn der Autor hat darin eine Fülle von Beispielen zusammengetragen, in denen der Hochmut eine Rolle spielte.

Nicht um „kleine Leute“ geht es dabei, sondern um Machthaber, die den Lauf der Geschichte durch ihren Hochmut und ihr Unverständnis für die Situation des Anderen entscheidend (negativ) gelenkt haben. Je länger die Beispiele zurückliegen – etwa das Römische Reich, die Moguln, Napoleon, Trotzki und andere –, desto weniger gehen sie unter die Haut, lesen sich vielmehr höchst amüsant als histori­sche Anekdoten. Anders, wenn der Autor Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit analysiert; da sträuben sich einem schon die Haare, wie Menschen in Schlüssel­positionen durch ihren Machthunger, Geltungsdrang und ihre Arroganz den Gang der Dinge beeinflusst haben – dabei ihre Schäfchen ins Trockene gebracht und andere ruiniert haben.

Angesichts der US-Präsidentschaftswahl bekommen Turunens Ausführun­gen einen ganz aktuellen Bezug und nach dem Wahlergebnis könnte man umso mehr in tiefen Pessimusmis versinken. Doch andererseits ist das Buch so vergnüglich zu lesen, dass man sich bei allem Ernst des Sachverhalts eine heite­re Grundstimmung bewahren kann. Weiß nicht der Volksmund ohnehin tröstlicher­weise, dass Hochmut vor dem Fall kommt?

Ari Turunen: Kann mir bitte jemand das Wasser reichen? (Übersetzung: Gabriele Schrey-Vasara), Nagel & Kimche 2015,  208 Seiten, ISBN 978-3-312-00671-7, 19,90 Euro, eine Rezension von Siegfried Breiter, Deutsch-Finnische Rundschau 171

 

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