August Tavaststjerna: Harte Zeiten

20. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Aktuell, Rezensionen

tavastDer aus einer alten Offiziers­familie stammende und unweit von Mikkeli geborene Karl August Tavaststjerna (1860-1898) zählt zu den bekanntesten finnischen Dichtern und gilt als einer der Hauptexponenten des finni­schen Realismus. Wir sehen uns in Tavast­stjernas historischem Romangemälde in die Zeit des politischen Erwachens Finnlands versetzt sowie thematisch mit einem vorherrschenden harten Lebenskampf und einer Selbstbehauptung des Menschen konfrontiert.

Historisch bestimmten scharfe soziale Gegensätze mit Hungerjahren 1867/1868 und der seit den 1860er Jahren regelmäßig einberufenen „Landtage“ das Geschehen. Tavaststjerna hat die Hungersnot des Winters 1867/68 als Siebenjähriger selbst erlebt, was die historische Authentizität seiner Erzählgeschichte nur unterstreicht.

Tavaststjernas Handlungsstoff hat sich deshalb auch glänzend in das Zeitbild des unter der „Zarenherrschaft“ stehenden, weitgehend „unabhängigen“ Großfürsten­tums Finnland eingepasst. Kalle Pihl aus Österbotten ist der wirtschaftlich ruinierte „Fuhrmann“, welcher in der fast bis Mittsommer vom tiefen Winter gezeichneten Hungerszeit „des Jahres 1867“ auf dem „Herrenhaus“ auf Kotkais bei Tavaste­hus eintrifft. Geblendet vom Reichtum der oberen Gesellschaft, befleißigt sich Kalle Pihl nach allen Kräften, sich mittels „freund­schaftlicher Beziehungen“ wieder „Lohn und Brot“ einzuhandeln. Der indes eine Doppelehe eingehende und am Ende dem „Doppelmord auf Uramo“ zum Opfer fallende Kalle Pihl endet tragisch.

Noch bevor der Typhus zahlreiche Bewohner von Kotkais, darunter die rühri­ge Frau von Blume wie auch Kalle Pihls „rechtmäßige“ Ehefrau Johanna, hat dahinraffen lassen, war unweit von Kotkais „nahe der neuen Bahnlinie“ der neue Friedhof „ausschließlich für Bahnarbeiter“ angelegt worden, als der „Hungertyphus“ „schon in den ersten Tagen der Epidemie zu Hunderten“ hatte Bahnarbeiter sterben lassen (S. 216). De facto war wie in den Harten Zeiten jene Frau von Blume auch die Mutter des Autors „bei der Betreuung der Notleidenden am Fleckfieber oder Hungertyphus“ gestorben.

Tavaststjerna hatte als „erster finnland­schwedi­scher Vertreter des Realismus“, unzweifelhaft „dank seiner plastischen Menschen- und Gesellschaftsschilderung“, in seiner Erzählhandlung „psychisch differenzier­te Volkstypen“ kreiert. Die im Spätsommer 1867 von den Gouverneuren der acht Provinzen des Landes gesandten düsteren Ernteberichte kontrastieren inhaltlich annähernd zeitgleich verlaufende Vorgänge, welche den Leser auch mit unbeschreiblichen Gegensätzen konfron­tieren: Während Frau von Blume „daheim  […] mit heftiger Übelkeit auf dem Sofa“ lag und ihre Tochter Louise „entsetzte Zeugin der grausigen Fieberverwünschungen“ wurde, lud die Bahn­direktion zu einem „großen Herrenessen“ auf Gut Herrö. Auf der im Bau begriffenen Strecke nach St. Petersburg unternahm man „zum erstenmal eine Probefahrt“, als am Wegesrand verwunderte Bettler auf die Herrlichkeit sahen, „die gleich einem Traumgesicht in fliegender Fahrt an ihrem Elend vorüberzog“. „Die blanken Messing­instrumente blitzten im Sonnenschein, die vielen feinen Herren sangen, die Uniformen glänzten, und die armen Teufel nahmen die Mützen ab und verneigten sich tief. Sie glaubten, der Zar selbst sei auf der Rundreise durch das Land und fahre zu einem Besuch bei dem reichen Hauptmann auf Herrö“.

Tavaststjerna, der selbst einem „rein finnischen“ alten Adelsgeschlecht angehörte, ist es glänzend gelungen, ein erschreckendes Bild der sozialen Gegensätze zu zeichnen. Er, der noch im Jahre 1892 in Weimar August Strindberg kennen­gelernt hatte, schuf eine Dichtung, die „ihrem Anschein nach von einfachen, alltäglichen Dingen erzählt, in Wahrheit aber die Geschichte eines ganzen Volkes“ darstellt.

Karl August Tavastjerna: Harte Zeiten (Hårda tider,1891), Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014, 271 S., 9,90 Euro, eine Rezension von Dr. Michael Peters, Deutsch-Finnische Rundschau 171

 

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