Beile Ratut: Das schwarze Buch der Gier

8. Januar 2014 | Von | Kategorie: Rezensionen

ratutAlba wird an dem Tag sechs Jahre alt, an dem ihr zwei Jahre älterer Bruder, von ihr geliebt und bewundert, verschwindet. Er kommt nicht zurück, er wird nicht gefunden, unsicher ist, ob er lebt oder tot ist. Er ist nicht mehr da. Zum Leid des Verlustes kommt das Leid der Ungewissheit, der Fantasien und Ängste. In einem Geflecht aus Schuld, Scham, Trauer, Entsetzen, Wut, Ohnmacht und Sprach-losigkeit zerbricht die Familie zumindest innerlich. Alba ist mit ihrer Not allein, und doch wird sie groß darüber.

Beile Ratut, in Deutschland lebende und in deutscher Sprache schreibende Finnin, lässt in ihrem Debütroman ‚Das schwarze Buch der Gier’ die Ich-Erzählerin Alba in ein zerbrechliches und doch von der starken und unbeirrbaren Kontinuität der Suche nach Antworten und der Auseinandersetzung mit dem Geschehenen bestimmtes Leben hinein gehen, wechselnd beschrieben aus kindlicher und erwachsener Perspektive.

Warum die Gier im Buchtitel? Gier, so Albas Tante Merete, ist das Gegenteil von Liebe. Tatsächlich? Dass es Hass nicht ist, wissen wir lange – zu ähnlich, von der gleichen Intensität des Gefühls beseelt. Gleichgültigkeit hatten wir uns vorgestellt als Widerpart. Zu weit weg, zu wenig verbunden? Also Gier. Neugier, Befriedigungsgier, Erniedrigungsgier, zerstörerische Gier, nichts, das mit ehrlichem Gefühl auf Andere gerichtet wäre. Davon handelt das Buch – und von der Traumatisierung Albas durch Verlust und eben durch die Gier.

Alba wird ein stilles, einsames und trauriges Mädchen, eine eher unscheinbare, sensible, vorsichtige Frau. Sie findet Möglichkeiten, ihr Trauma, ihre seelische Verletzung zu bannen. Nebeneinander stellt Ratut die Hoffnung der Protagonistin auf Wiedervereinigung mit dem Bruder, ihre Sehnsucht nach Liebe einerseits, und ihre Selbstbetäubung über das Rezipieren und Imaginieren schrecklichster Kriegs- und Foltergeschichten andererseits, um den eigenen Schmerz zu bannen, die eigene Geschichte verstehbar zu haben.

Für die Leser ist das manchmal schwer zu ertragen – und doch von einer faszinierenden Dichte. Beile Ratuts Sprache schlägt zwischen der Härte der Bilder etwa der Foltervorstellungen und den Möglichkeiten etwa kindlichen Wunderns über die Zauberhaftigkeit der Welt eine wirkliche Brücke. Ich kenne kaum ein Buch über Traumatisierung, das mit so viel Echtheit, mit so viel gleichzeitiger Schwere und Leichtigkeit, so viel an Versöhnung und Hoffnung in sich birgt. Und so knüpft auch das Ende des Romans wieder an die Basis für Alba an, die ruhige, unverbrüchliche Liebe des Vaters, die er ihr in die Welt mitgegeben hat.

Für Alba geht es darum, sich wiederzufinden, sich nicht beirren zu lassen, so sein zu können, wie sie ist. Als Ausweg aus dem Schrecken der Kindheit sieht sie, einem Traum zu folgen – dem Traum vielleicht eines sicheren Lebens und sicherer Beziehungen in einer einfachen, geradlinigen Welt. Und wie sagt Alba so schön, berührend und passend: Niemand bringt mich gegen das Leben auf. Ein zutiefst tröstlicher und erwartungsfroher Satz.

Beile Ratut, Das schwarze Buch der Gier, Ruhland Verlag, 2013, 287 Seiten, 19,80 Euro, ISBN  978-3-88509-102-8.
Eine Rezension von Jessika Kuehn-Velten aus der Deutsch-Finnischen Rundschau 159.

2 Kommentare auf "Beile Ratut: Das schwarze Buch der Gier"

  1. raul ratut sagt:

    oleksin huvitatud,kui oleks seda raamatut ka eesti keeles saada

  2. Von dieser Autorin kenne ich bisher nur „Welt unter Sechs“ und „Nachhall“, die beide sehr speziell sind und wohl nur bei wenigen Lesern eine Zustimmung finden. Ich kann beide empfehlen, wenn man bereit ist, sich auf ihren Stil einzulassen.

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