Fredrika W. Carstens: Der Efeu. Ein Brief­roman

27. Juni 2015 | Von | Kategorie: Aktuell, Rezensionen

efeuDas Genre des „Brief­romans“ zählt neben dem „Tagebuch­roman“ zu den jünge­ren Romanformen. Der schwedischsprachige Roman Der Efeu, den die Autorin Fredrika
Carstens bereits im Jahre 1840 verfasst hat, ist erst spät ins Finnische übersetzt worden. Jetzt liegt erstmals eine deutsche Fassung vor.
Der Efeu ist ein gesellschaftskritischer Roman und zugleich eine Art „Reisebeschreibung“. Die Hauptgestalt des Romans, die jugendhafte Mathilda Sommer, schildert ihrer „treuen Freundin“ Emilia anhand von „Briefen“ ihre Reise- und Gesellschaftserlebnisse in dem von „kulturbeflissenen“ Adelswelten geprägten schwedischsprachigen Teil des damaligen Großfürstentums Finnland: „Ach! So ein göttlicher Platz, Emilia! Ungefähr eine Werst von der Stadt entfernt zweigt von der großen Landstraße ein schmaler Weg ab, der durch eine schöne Lindenallee an einem silberklaren Fluß entlangführt. Noch eine halbe Werst, dann schimmert zwischen alten Ahornbäumen und Eichen, die ihr frisches junges Laub mit Stolz zu tragen scheinen, ein wunderschönes Landhaus hervor“.

In Wirklichkeit sind es Bilder aus einer versunkenen Welt, welche die Autorin Carstens der Nachwelt übermittelt hat. Die 1808 in dem alten Naantali geborene
und mit ihrer kinderreichen, schwedischsprachigen Familie in Porvoo lebende Autorin wollte den Verkaufserlös ihres unter dem Titel Murgrönan anonym veröffentlichten Buches einem „Armenhaus“ in Porvoo übereignen. Lange Zeit derweil in Vergessenheit geraten, bildete das erst im Jahre 2007 ins Finnische übersetzte und unter dem Titel Muratti in Turku erschienene Literaturwerk gleichsam den ersten „Frauenroman“ Finnlands. Im 20. Jahrhundert ist sodann Der Efeu unter frauenemanzipatorischen Aspekten ganz neu „entdeckt“ worden. Vielleicht aber stellte zudem die gefühlsbetonte und unwiederbringliche „Lebenswelt“ im Finnland des 19. Jahrhunderts ein menschliches Werteverständnis dar, welches den Roman Der Efeu „neu“ erstehen ließ: „Die schönste Zeit des Sommers! Den herrlichen Mittsommertag habe ich hier, getrennt von Dir, aufgehen, vergehen und untergehen sehen, er ist also unwiderruflich verloren, um nie wiederzukommen – dieser für ein lebensfrohes Gemüt so eifrig ersehnte Tag. Oh! Meine Emilia! …
Dieser Mittsommerabend war der schönste, den ich bisher erlebt habe“. Und immer von neuem weiß die Autorin ihr Leserpublikum zu „fesseln“, wenn sie die Ortsnamen wie „N.“ – „eine schöne Stadt, wenn auch altmodisch“, oder etwa den „Schärengarten“ – Stockholm – „der ist schön – geradezu göttlich!“ (S. 23), „anonymisieren“ und inhaltlich „verschwimmen“ lässt.

Fredrika W. Carstens: Der Efeu. Ein Briefroman. Herausgegeben und übertragen aus dem Finnlandschwedischen von Nadine Erler, Verlag 28 Eichen, Barnstorf 2015, 277 S., 18,50 Euro, ISBN: 978-3-940597-78. Eine Rezension aus der Deutsch-Finnischen Rundschau 165 von Dr. Michael Peters.

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