Henrik Tikkanen: Brändövägen 8 Brändö. Tel. 35

18. Dezember 2014 | Von | Kategorie: Aktuell, Rezensionen

1377_L„Dies ist eine gruselige Geschichte über vorzeitigen Tod, Unheil, Unzucht und Schnaps. Sie handelt vom Unglück einer Familie und vom Kampf gegen das Unglück, der den Sinn und die Unmöglichkeit des Lebens darstellt.“ Der die Zeilen schrieb, musste es wissen: Henrik Tikkanen. Dies ist seine Geschichte und die seiner Familie. Das Umfeld, in das Tikkanen 1924 hineingeboren wurde, bot die besten Voraussetzungen, eine exponierte Position in der finnlandschwedischen Oberschicht zu bekleiden. Schließlich war sein Großvater der erste Professor für Kunstgeschichte Finnlands, mütterlicherseits war er mit Johan Ludvig Runeberg und dem ersten Erzbischof des Landes verwandt. Im Hause seiner Altvorderen ging die politische, wirtschaftliche und kulturelle Prominenz ein und aus. Doch statt diese Chance zu nutzen, versetzte er der Elite, die über Jahrzehnte in jeder Beziehung ihre Machtposition in Finnland auskostete, einen Tritt. Als Karikaturist, Kolumnist und Sprachkünstler hatte er sich längst einen Namen gemacht, als 1975 sein erster Roman der Adressbücher-Trilogie erschien. In diesem nun endlich (!) in deutscher Sprache vorliegenden Klassiker – kongenial übertragen von Karl-Ludwig Wetzing – zeichnet Tikkanen auf 140 Seiten nicht nur ein Sittengemälde der Bohéme, die sich auf der kleinen Insel Brändö, Kuulosaari, abgeschottet hatte, sondern vollführt zudem einen Ritt durch die finnische Geschichte. Und er gönnt sich und den Seinen nichts: der Vater Trinker und Weiberheld, die Mutter Alkoholikerin und Fremdgeherin, die Brüder Waschlappen und Schlappschwänze und er selbst Trunkenbold und Fahnenflüchtiger. Jeder Satz sitzt wie ein exakt ausgeführter Hieb. Voller Sarkasmus, bitterbösem Witz und geschliffener Rhetorik rechnet er mit dem Dünkel, der Zügellosigkeit und der Kriegstreiberei derer ab, die da meinten, Finnland gehöre ihnen. Es sind die Grauen des Zweiten Weltkriegs, die Tikkanen als 19-Jähriger durchlebte und wie viele seiner Generation als Trauma mit sich herumschleppte. Sie gelten als das Schlüsselerlebnis für seine fortan kritische Haltung gegenüber dem Establishment.

Versehen mit einem Nachwort des Übersetzers ist dieses Büchlein ein besonderer Lesegenuss und eine erhellende Lektüre zugleich. Möge ihm auch hierzulande ein großer Erfolg beschieden sein. Denn dann besteht Hoffnung, dass auch die beiden folgenden Bände der Trilogie den Leser in deutscher Übersetzung erreichen. Im Übrigen hätte es Tikkanen sicher sehr gefallen, dass die Übersetzung ausgerechnet im Verbrecherverlag erschienen ist.

Henrik Tikkanen: Brändö 8 Brändö. Tel. 35 (Übersetzung: Karl-Ludwig Wetzing), Verbrecherverlag Berlin 2014, 150 S., 22 Euro. Eine Rezension aus der deutsch-Finnischen Rundschau 163 von Petra Sauerzapf-Poser

 

Schreibe einen Kommentar