Juha Itkonen: Ein flüchtiges Leuchten

24. September 2014 | Von | Kategorie: Rezensionen

978-3-426-19989-3.jpg.30763959Itkonens erster Roman in deutscher Übersetzung beginnt mit einer Szene, in der eine der Hauptpersonen, Esko Vuori, junger Angestellter in der Elektrohandlung Urho Puupponen, am Morgen des 10. Oktober 1964 der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Tokio beiwohnt. Esko ist jung, bald Vater zweier Kinder und er glaubt unerschütterlich an die neue Welt, Amerika, Mondlandungen und die Gesetze des freien Marktes – und er wird Erfolg und ein eigenes Elektrogeschäft haben.

Esko verbindet mit seinem Sohn Esa das Interesse an den Mond. Für Esko bedeuten Mondlandungen die Übermacht des Menschen, für Esa dessen Geringfügigkeit. Auch um diese Sohn-Vater Beziehung geht es in der Geschichte, die gleichzeitig die Geschichte der Familie Vuori ist. Die dritte Hauptperson, Eskos Frau Liisa – eine Hebamme – lebt im Schatten der Familie bis sie die Leere ihres Lebens entdeckt und daraus Konsequenzen zieht.

Esko, Liisa und Esa berichten auf den fast 600 Seiten aus ihren Erinnerungen über die Ereignisse in der Familie Vuori. Esa, der älteste von drei Söhnen, berichtet als Ich-Erzähler seiner Tochter Miia, die in Berlin als Theaterregisseurin lebt, über sein Leben und wie es zu der Trennung von Miias Mutter kam. Die zwei anderen Brüder Timo und Ville kommen im Buch kaum vor. Zeitlich bewegt sich der Roman in der Zeit von 1964 – 2011. Dabei springt Itkonen von der Vergangenheit in die Gegenwart und wieder zurück. Von Kapitel zu Kapitel wechseln die Erzähler. Eine feste Handlung findet man nicht. Die Geschichte springt hin und her mit den Geschichten und Sichtweisen der drei Hauptpersonen. Die verschiedenen Zeiten beschreibt Itkonen gelungen und echt. Man fühlt sich in das Geschehen hinein versetzt. Die Zeiten ändern sich, aber was ist mit dem Menschen? Was ist mit den menschlichen Beziehungen und was bleibt von dem Menschen übrig?

Gegen Ende des Romans bei einer der wenigen Begegnungen zwischen Vater und Sohn überrascht Esko seinen Sohn mit seiner Offenheit und dem Eingeständnis, dass auch er – genauso wie Esa – Verzweiflung empfunden hat. Für Esa ein erstaunlicher Gedanke, der nicht in sein Gehirn passt. „Er veränderte alles. Ein bisschen so, als hätte ich mein ganzes Leben im Dunkeln verbracht und plötzlich machte jemand ohne Vorwarnung das Licht an. Für einen Augenblick war das Licht hell, ich glaubte ihm, alles war deutlich, aber gleich am nächsten Tag, vielleicht schon am selben Abend, nachdem Esko abgereist war, trübte sich alles wieder ein.“ – Das ist vielleicht die wichtigste Stelle in diesem Roman „Ein flüchtiges Leuchten“, das uns die Augen öffnet.

Ich empfehle das Buch allen, die gerne Familienromane lesen und gerne etwas zum Nachdenken haben. Bei den fast 600 Seiten muss man in Kauf nehmen, dass die Geschichte ab und zu etwas langatmig wirkt. Aber es lohnt sich bis zum Ende zu lesen.

Juha Itkonen: Ein flüchtiges Leuchten (Hetken hohtava valo, aus dem Finnischen von Stefan Moster), Droemer, 592 S., 19,99 Euro, erscheint am 01. Oktober. Eine Rezension aus der Deutsch-Finnischen Rundschau 162 von Marjaana Staack.

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