Karl August Tavaststjerna: Harte Zeiten

20. März 2015 | Von | Kategorie: Aktuell, Rezensionen

tavastEs ist ein enges Korsett, das die Leute 1867 tragen. Es ist das Korsett ihrer gesellschaftlichen Stellung. Karl August Tavaststjerna beschreibt in Harte Zeiten das Hungerjahr 1867 und die darauffolgende Typhus­epidemie in Finnland. Der 1891 veröffentlichte Roman wurde 1983 in der Übersetzung von Klaus-Jürgen Liedtke verlegt. Nun ist diese Übersetzung von Liedtke selbst überarbeitet worden. Dem Text beigefügt hat er ein Nachwort und eine Zeittafel, um die historische Einordnung zu erleichtern. Schade bleibt nur, dass so wenig auf die aktuelle Rezeption in Finnland eingegangen wird. Denn dass der Roman im zeitgenössischen Helsinki
keine Jubelstürme hervorbrachte, das wird beim Lesen klar.

Herrlich sarkastisch beschreibt der Text die Untätigkeit der finnischen Regierung, als sie Warnungen ob der drohenden Hungersnot erreicht: „Darauf faßten sie einen großen und feierlichen Entschluß. Sie wandten sich mit einem Amtsbrief an den Erzbischof und baten ihn im Namen des Zaren, die drohende Not durch ein besonderes Bittgebet um gute Ernte an den Einzigen Allmächtigen abzuwenden zu suchen […]“

In Harte Zeiten wird zudem sehr deutlich, dass diese eben nur für manche hart waren – für die Armen nämlich, die scharenweise in den Süden zogen in der Hoffnung auf Arbeit und Brot. Schonungslos beschreibt der Text ihre Ausbeutung durch Gutsherren, Unternehmer und Poli­tiker, denen der harte Winter und der Ernteausfall kaum etwas ausmachen. Sie tangiert das Problem hauptsächlich philosophischer Natur: Wie und in welcher Form will man Gutes tun und ist man wirklich dazu verpflichtet?

All dies erzählt Harte Zeiten vor der Kulisse zweier Gutshöfe in Tavastland, wo der in die Jahre gekommene Leutnant Thoreld ein Auge auf die Nachbarstochter Fräulein Louise von Blum geworfen hat und daher seine Geliebte – eine Angestellte auf dem Gut – dem Nächstbes­ten zur Frau gibt. Freilich gibt der Leutnant eine schöne Kate zur Mitgift. Aber so genau sieht er eben nicht hin und der frisch Angetraute, Kalle Pihl, war in Wahrheit schon verheiratet, als er aus Österbotten auf der Suche nach Arbeit nach Tavastland kam.

Menschliche Dramen spielen sich ab und zeigen die unüberwindlichen Standesschranken, die starren Gesetze der Gesell­schaft und die Not der Armen. Über all dem liegt eine Erzählhaltung, die trotz aller Kritik wohlwollend auf die Menschen schaut und sich doch auch gerne dieser Zeiten erinnert, die die letzten Reminiszenzen des vom Leutnant Thoreld in Ehren gehaltene „Pastoralidylls“ enthalten –
auch wenn der Text diese Sehnsucht nach der heilen Welt immer wieder ironisch bricht.

Tavaststjerna gilt als der erste Autor des Realismus in Finnland. So nimmt es nicht wunder, dass sein Erzählstil an manchen Stellen an Fontane oder gar Thomas Mann erinnert. Harte Zeiten bringt die elenden Lebensumstände von 1867 gestochen zu Papier. Und zugleich ist es eine genussvolle Lektüre – locker, angenehm und augenzwinkernd erzählt.

Karl August Tavaststjerna: Harte Zeiten (Hårda tider. Übersetzung von Klaus-Jürgen Liedtke), dtv, 272 Seiten, ISBN-10: 3423143509, 9,90 Euro. Eine rezension aus der deutsch-Finnischen Rundschau 164 von Saskia Geisler

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