Kein Mafiakrimi – EIN GAUNERKRIMI

3. Februar 2014 | Von | Kategorie: Rezensionen

pateDas Begräbnis des Paten  ist der zweite ins Deutsche übersetzte Roman von Tapani Bagge. Zuvor erschien ebenfalls im Suhrkamp-Verlag Schwarzer Himmel (Rezension im Jahrbuch Nr. 44/2012). Anders als der Titel vermuten lässt, handelt es sich bei dem „Paten“ nicht um den obersten Boss einer Mafiabande, sondern um den Patenonkel von Leila Pohjanen, einer Kriminalkommissarin im Erziehungsurlaub.

Der Patenonkel Veikko Antero Oikarainen, ein Kleinkrimineller und Spieler genannt Veke, schlägt sich mit kleinen krummen Geschäften durchs Leben, da ihm für „gröβere Dinger“ Mut und Vertrauen fehlen. Er hat ein paar kürzere Haftstrafen im Gefängnis verbüβt und Leilas Mutter ist die einzige aus der Familie, die zu ihm gehalten hat. Veke wohnt in einem Inseldorf in der Nähe von Kangasala im Nebengebäude eines Bauernhofes. Als er für seine Vermieterin und Nachbarin Raija Repo aus der Cafeteria eines nahe gelegenen Automuseums Krapfen besorgt, nimmt er einen Koffer voller Drogengeld aus einem unverschlossenen Plymouth an sich. Anschlieβend fliegt er mit dem Methamphetamin-Labor von Raijas Sohn Pertti, genannt Pertsa, in die Luft.

Die Polizistin Leila in Elternzeit fährt in die Inseldörfer, um Nachforschungen anzustellen. Ihren einjährigen Sohn Valto Oskari hat sie bei ihrem Lebensgefährten Allan Nyberg, genannt Allu, gelassen. Allu, ein ehemaliger Krimineller, hat für seine kleine Familie die Gaunereien aufgegeben. Als Leila nicht da ist, erhält er jedoch einen Auftrag vom Boss der „Schwarzen Engel“,  für ihn den verschwundenen Geldkoffer ausfindig zu machen. Leila und Allu werden ohne es zu wissen, Teil ein- und derselben Geschichte.

Wie schon im Schwarzen Himmel geht es weniger um die Aufklärung eines Verbrechens, als um unterschiedliche Ausprägungen der Kriminalität. Kaum eine der Romanfiguren lebt vollkommen gesetzestreu. So füllt das Buch ein buntes Kaleidoskop an Kriminellen mit unterschiedlich ausgeprägter Gewaltbereitschaft und ordentlichen Bürgern, die aus den verschiedensten Gründen krumme Geschäfte machen. Die Gründe, kriminelle Wege einzuschlagen, sind ebenso vielschichtig wie die Personen des Romans: Spielsucht (Veke), Drogensucht (Allus Halbbruder Juki), Geldnöte (Raija), Geldgier (Privatdeketiv Grönholm), Familientradition (Regenmann), Machthörigkeit (Liima und Leder), Machtgier (Hurme). Wieder andere wie der nach seinem Bierkonsum benannte Groβpilz finden nur im Gefängnis oder bei den Schwarzen Engeln Sicherheit: „Drauβen war alles durcheinander. Keiner schloss einem die Tür auf und hinter einem wieder ab … Alles musste man selbst entscheiden. … Auβerdem durfte man drauβen nirgendwo drinnen rauchen, nicht mal in der Kneipe.“ (S. 106)

Die Handlung schreitet in filmszenenartigen, turbulenten Episoden voran und in der Abfolge schnell wechselnder, miteinander verknüpfter Ereignisse ist es nicht immer leicht, den Überblick zu behalten. Dabei spielen Situationskomik und finnischer Humor eine deutlich gröβere Rolle als Spannung. Für einen nicht des Finnischen kundigen Leser können die nicht gerade eingängigen Namen der vielen Personen Verwirrung stiften, zumal fast jede männliche Figur auch mindestens einen Spitznamen hat und mal bei diesem, mal bei ihrem richtigen Namen genannt wird.

Der Roman ist durchgängig in lockerem Plauder- und Umgangston geschrieben. Es ist das Verdienst des Übersetzers Stefan Moster, dass der leichte Stil konsequent von der ersten bis zur letzten Seite trägt. Ihm ist es gelungen, die eigentlich unübersetzbaren Wortspiele und reichen Wortschöpfungen zumindest teilweise in die Übersetzung zu retten. Dies erfordert vom Leser, sich auf diesen Jargon einzulassen und ungewohnte Sprachbilder zu akzeptieren.

Leicht gekürzte und veränderte Fassung der Rezension im Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen der Deutschen Bibliothek Helsinki Nr. 45/2013, S.211-213

Tapani Bagge: Das Begräbnis des Paten [Kummisedän hautajaiset]. Kriminalroman. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Berlin: Suhrkamp Taschenbuch 2012, 246 S., ISBN 978-3-518-46387-1

Anke Michler-Janhunen

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