Lukkari, Aikio-Arianaick: Erbmütter – Welttöchter

13. Mai 2016 | Von | Kategorie: Aktuell, Rezensionen
erbmuetter

Erbmütter – Welttöchter. Rauni Magga Lukkari und Inger-Mari Aikio-Arianaick. Hrsg. von Johanna Domokos. Übers. von Christine Schlosser. Chemnitz, Eichenspinner Verlag 2014

Ein Kleinstverlag in Chemnitz hat mit diesem Buch einen kühnen Versuch gewagt. Zwei samische Dichterinnen werden uns mit poetischen Zyk­len vorgestellt in deutscher Übersetzung. Beide stammen aus der nordfinnischen Gemeinde Utsjoki. Rauni Magga Lukkari, Jg. 1943, sie zählt zu den maßgeblichen Stimmen unter den Lyrikern, mit Erb­mutter. Mit diesem Buch gewann sie 1996 den ersten Preis in einem Wettbewerb für das beste samischsprachige Manuskript. Versuche der Selbstfindung; die Beziehung zwischen den Geschlechtern und ihren Rollen in einer sich wandelnden und doch traditionsreichen Welt im Norden Finnlands grundieren diese Gedichte. Mutterschaft, Kindsein, das Zusammenleben, eingewoben in ein großes Erbe. Tradierte Überlieferungen, Mystik und Alltag. Identitäten. Verletzte wie verletzende Gefühle. Selbstbegegnungen und Einsamkeit. „Jeden Tag/überall/bei jeder Drehung/stoße ich nur auf Wände“ heißt es, aber auch: „Das Grässlichste/was meinen Kindern geschah/war ich/und auch das Sanfteste“ sowie: „ich rupfe/du rupfst/er rupft// wir zwei ihr zwei sie beide/wir ihr sie//gerupfte Vögel/fliegen nicht weit“.

Inger-Mari „Ima“ Aikio-Arianaick, Jg. 1961, gehört der nachfolgenden Generation an. In ihren Gedichten zeigt sie sich als Autorin, die sensibel und prüfend zwischen den Polen von Selbstbewusstsein und Verunsicherung auf die aus der Gemeinschaft zugewiesene, ihr eingeschriebene Rolle als Frau und Mutter schaut. Im vorliegenden 2001 publizierten Aus der Welt nach Hause begegnen wir einem lyrischen Ich zwischen Schwangerschaft, Geburt und dem spannungsgeladenen folgenreichen Leben mit einem Kleinstkind. Mutter, Frau und Schwiegertochter. Nöte, Ängste, Ablehnungen, Gewaltphantasien. Glück, Liebe, Zärtlichkeit. Erotik und Sexualität. Eine neue Welt, wie man sie durch nichts anderes im Leben sich selbst schenken kann. So ist zu lesen: „gerade eingeschlafen//und schon/die Angst dass er aufwacht“. – „zum Glück/wieder ein Tag vorbei//einen Tag näher/wenn er geht/von zu Hause“. – „schlaflose Nächte/töteten die Lust//und dennoch/muss es sein“.

Offen und überraschend ist den Gedichten eine Kraft und Körperlichkeit und Konsequenz eigen, die ich selbst in noch keinem Werk einer Dichterin angetroffen habe. Beide Zyklen rufen nach männlichen Lesern. Wer sich auf diese Gedichte einlässt, erfährt etwas über das Lebens­gefühl von Frauen, Partnerinnen, Schwan­geren, von jungen und alt gewordenen Müttern, Großmüttern, im Leben mit Männern. Existentielle Momente von Welthaltigkeit. Beide Autorinnen zeigen sich in Situationen, für die andere keine Worte haben oder finden. Oder die verunsichert sind schon bei den Gedanken, Impulsen und Instinkten, die diesen Worten vorausgehen mögen.

Was als das Unsagbare erscheint, hat in Gedichten etwas und jemanden, der sich dieser Herausforderung oft ungeschützt und unwägbar stellt, der dagegen anschreibt, es sich anverwandelt oder einverleibt. In diesen Versuchen des Sagbaren, Benennbaren steckt, dass man dabei sich verlaufen, sich verlieren und scheitern kann. Aber Gedichte bleiben, sie werden geschrieben, und hier, in diesem Band, entwerfen sie eigensinnige, neue Angebote für unser Leben und unsere Neugier beim Lesen an der Welt der Anderen.

Begegnungen mit Fremdem werden reflektiert von eigenem Erleben und spiegeln zurück. Es handelt sich bei beiden Zyklen auch um eine fortschreitende Positionsbestimmung als Samí in einem Land, das von der finnischen Mehrheit dominiert wird, bis in die Literatur.

Wer diese Sapmí-Region kennengelernt hat, steht in diesen Zeilen anders als ein Unerfahrener, der nun angeregt werden mag, dorthin aufzubrechen. In die Literatur kann man es mit diesem Buch. Ein informatives Nachwort und ein Literaturverzeichnis schließen den Band ab. Minderheitenliteratur ist Teil unserer Weltliteratur.

Dieses ungewöhnlich wie schön gestaltete Buch steht gegenwärtig unter den gewählten zehn besten Büchern aus unabhängigen Verlagen. Ein Erfolg, der anderen Mut machen sollte, sich auf Ent­deckungs­reisen in abgelegene Literaturgebiete einzulassen. Danke, Eichenspinner.

Erbmütter – Welttöchter. Rauni Magga Lukkari und Inger-Mari Aikio-Arianaick. Hrsg. von Johanna Domokos. Übers. von Christine Schlosser. Chemnitz, Eichenspinner Verlag 2014. 212, (13) S. ISBN 978-3-939927-09 , eine Rezension aus der Deutsch-Finnischen Rundschau 168 von Roland Bärwinkel

 

 

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