Marja-Liisa Vartio: Männer wie Männer, Frauen wie Frauen

24. März 2015 | Von | Kategorie: Aktuell, Rezensionen

vartioSofi Oksanens sprach­liches Idol, wie sie selbst es sagt, ist 1924 geboren und gilt seit langem als Best­sellerautorin, ihre Werke als Klassiker in Finnland: Marja-Liisa Vartio. Ihr jüngst auf Deutsch erschienener Roman über Geschlechterverhältnisse, über das Ringen um weibliche Eigenständigkeit, über familiäre und gesellschaftliche Dramen hat satte 55 Jahre auf seine Übersetzung gewartet. Entsprechend vielschichtig gestaltet sich der Zugang: Liegt hier einfach ein Stück Gesellschafts- und Emanzipationsgeschichte vor uns? Ist die angebliche Schande der ungewollten Schwangerschaft eines ledigen Mädchens von einem verheirate­ten Mann noch ein Thema, das etwas hergibt in Zeiten, in denen Frühe-Hilfen-Programme für allein­erziehende und lebensgeschichtlich belastete junge Mütter aufgelegt werden und miteinander wett­eifern? Oder ist die Unterschiedlichkeit einerseits und mangelnde Gleichwertigkeit andererseits von Männern und Frauen in der Wirklichkeit und im gesellschaftlichen Spiegel ein Thema, das sich zwar modifiziert, aber das doch nie an Aktualität verloren hat?

Die Geschichte jedenfalls ist so alt wie die Menschheit, und sie ist meisterhaft, berührend, intensiv erzählt (und übersetzt). Leena ist die Protagonistin, gerade 18 Jahre alt, die in eine Beziehung mit einem verheirateten Straßenarbeiter fällt, entdeckt, ein Kind zu erwarten, die Schwangerschaft abzubrechen und dann vor dem Vater vor allem zu verbergen sucht, auf Schockzustand und dann Moral­ansprüche ihrer Familie trifft – und sich schließlich auf den Weg aus der Familie, aus ihrem Dorf heraus macht, um ein eige­nes, freieres Leben zu gewinnen.

Das Besondere in Vartios Sprache machen viele Elemente aus. Dazu gehört der Wechsel in den Erzählzeiten. Dazu gehört,  dass Leena ihre Geschichte quasi in der dritten Person berichtet, es wirkt wie eine verschlüsselte Ich-Erzählung. In der direk­ten Rede wird Leena oft nicht als das Du angesprochen: „Wo ist Leena?“ oder „Warum weint Leena?“ etwa fragt die Mutter. Vartios subtiles Spiel mit Nähe und Dis­tanz betrifft auch die Reflektionen der Hauptfigur – dadurch wird die Nähe zum Selbst und zum Geschehen jeweils schmerz­hafter.

Die Rezensentin weiß nicht genau, wie jung man sein kann, wie alt man sein muss, um sich vom Inhalt der Geschichte mitnehmen zu lassen – aber sie versteht, was Sofi Oksanen meint, und allein schon Vartios Sprache hat sie das Buch nicht aus der Hand legen, sondern die Geschichte in einem Zuge durch und mit gespannter Erwartung lesen lassen.

Marja-Liisa Vartio: Männer wie Männer, Frauen wie Frauen (Mies kuin mies, tyttö kuin tyttö, Übersetzung: Elina Kritzokat), Insel Verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-458-17598-8, 268 S., 22,95 €. Eine Rezension aus der deutsch-Finnischen Rundschau 164 von Jessika Kuehn-Velten.

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