Minna Lindgren: Whisky für drei alte Damen oder wer geht denn hier am Stock?

6. April 2017 | Von | Kategorie: Aktuell, Rezensionen

Ach, da sind sie ja wieder, die munteren Freundinnen aus der Seniorenresidenz „Abendhain“. Ja, genau die – Siiri, Irma und Anna-Liisa.

Nach dem Erscheinen des ersten Romans von Minna Lindgren Rotwein für drei alte Damen hat der zweite Teil der Trilogie nicht lange auf sich warten lassen. Wieder wirft die Autorin einen Blick in unsere Zukunft, auf das Alter und das Älterwerden. Allein schon der Gedanke daran verursacht ein gewisses Unbehagen. Besser nicht darüber nachdenken. Dass der Lebensabend aber nicht gleichbedeutend sein muss mit Einsamkeit und Aufgabe der Selbstbestimmung und wie das Leben im Alter funktionieren kann, beschreibt die Autorin mit leichter und gespitzter Feder.

Hilflos, aber nicht tatenlos, müssen die drei vitalen Damen zusehen, wie ihr Zuhause in der Residenz im Renovierungs­chaos unterzugehen droht. Viele Alternativen, dem zu entfliehen, gibt es nicht, aber eine geniale Idee, die auch unverzüglich umgesetzt werden soll: die Gründung einer Senioren-WG. Mit Hilfe des Botschafters, Anna-Liisas spätem Glück, können sie vorübergehend ins Zentrum der Stadt übersiedeln. Zwar ist die Wohnung in Hakaniemi so geräumig, dass mit Margit sogar eine weitere Heimbewohnerin mit einziehen kann, aber die Einrichtung wirkt etwas ungewöhnlich. So wundern sie sich, dass über allen Betten große Spiegel hängen, im Fernsehen neuerdings freizügige Filme laufen und mitten im Wohnraum diese seltsame Tanzstange steht … Aber sie nehmen es mit Humor. Denn für sie gibt es Wichti­ge­res, nämlich das Leben mit seinen guten und weniger guten Tagen.

Während Siiri mit ihren neuen Bekann­ten Muhis und Metukka aus Afrika in der Küche neue Rezepte ausprobiert, experi­mentiert Irma an ihrem neuen iPad her­um und gönnt sich zuweilen mit dem Botschafter einen Whisky, oder auch zwei. Derweil muss sich Anna-Liisa um das ständig wechselnde und überforderte Personal vom Pflegedienst kümmern, das eigentlich engagiert worden ist, um ihr zu helfen. Und Margit „nervt“ ihre Mitbewohner permanent mit Fragen über Sterbehilfe, weil sie für ihren an Demenz leidenden Mann nach einer Möglichkeit sucht, in Würde gehen zu dürfen. Gerade bei diesem Tabuthema begleitet Lindgren ihre Protagonistinnen mit besonderer Empathie. So wirkt die anrührende Szene lange nach, in der Siiri und Margit den Schwerkranken zu erlösen versuchen.

Minna Lindgren weiß, wovon sie schreibt. Sie hat die letzten Lebens­monate ihres Vaters intensiv miterlebt und die Verhältnisse im finnischen Gesundheitswesen sehr genau kennengelernt.Ihre Erfahrungen sind in der finnischen Zeitung Helsingin Sanomat in einem großen Artikel erschienen, der ihr nicht nur den renommierten Bonnier Journalistenpreis, sondern ein überwäl­tigendes Feedback einbrachte.

Die vielen Telefonate und Briefe zeig­ten nämlich, dass sie einen wunden Punkt berührt hatte, der zudem genügend Stoff für diese lesenswerte Romanreihe geliefert hat. Zu dieser Lektüre darf man sich gern auch einen guten Tropfen gönnen. Zum Wohl und auf das Leben!

Minna Lindgren: Whisky für drei alte Damen oder wer geht denn hier am Stock? (Übersetzung: Niina und Jan Costin Wagner, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, 352 Seiten, ISBN 978-3-462-04915-2, 14,99 Euro. Eine Rezension aus der Deutsch-Finnischen Rundschau 172 von Petra Sauerzapf-Poser.

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