Rezension: Jussi Valtonen: Zwei Kontinente

22. September 2017 | Von | Kategorie: Aktuell, Rezensionen

Jussi Valtonens (geb. 1974) dritter Roman firmiert unter dem finnischen Originaltitel He eivät tiedä mitä tekevät (Sie wissen nicht, was sie tun). Joe Chayefski, ein amerikanischer Naturwissenschaftler, hat nicht „das Leben, das er immer wollte“: Er verschließt „die Augen vor der Realität. Davor, was in seiner Familie tatsächlich“ geschieht. Er lebt „in einer Fantasiewelt, in der er schalten und walten“ kann nach Belieben. „Dabei war das Leben längst ein anderes“ (S. 467). Und das ist gleichzeitig die Stärke des Romans: Jussi Valtonen, der sich auch der Tiefenpsychologie verschrieben hat, weiß die seidene Grenze zwischen „Wahrheit und Wirklichkeit“ verschwimmen zu lassen. Valtonens meisterhaftes Werk brilliert als Gesellschafts- und Zeitkritik der „Neuen Welt“.

Joe Chayefskis berufliche Karriere steht über allem und bildet jenen „Altar“, auf dem der Autor dessen Opfer an „Guter Menschlichkeit“ darbringen wird. Zunächst wird der haarfeine Riss in der Welt des Naturwissenschaftlers, dessen Leben ein Verbrechen „auslöscht“, zwischen den beiden Kontinenten Europa und Amerika verlaufen. Hatte doch Joe auch nach seinem Aufbruch aus den USA nach Finnland „lange in seiner alten Zeitzone gelebt“. An der Seite seiner Gattin Alina flaniert Joe an den Wassern der Helsinkier Töölö-Bucht. Aber die Entfremdung zwischen beiden gedieh schleichend und kam schubweise. Seiner Ehefrau wurde gewärtig: „Immer, wenn Joe von Finnland sprach, hörte er sich an wie ein Makler“ (S. 45). In den USA von einer „Hebrew School“ stammend, „verletzte“ ihn „der finnische Sündenerlass“. Das „Räderwerk“ des „Bösen“ mahlt weiter. Der 51-Jähri­ge kehrte Finnland den Rücken. „Alinas von Enttäuschung schmal gewordenes Gesicht“ signalisierten jene Metaphern des „Misslingens“. Nach Amerika zurückgekehrt, gelangt Joe Zug um Zug in die „Stromschnellen“ ethischer Konflikte. Weil Joe sich an der Universität zu grausamen Tierversuchen bereitfindet, „flatterten weitere Drohbriefe in sein Postfach“. Besorgte „Tierschützer“ sprechen drohgebärdend von Todesengel, Konzentrationslageraufseher und einem Nazi. Ob damit Jussi Valtonen nicht auch auf die historisch anhaftende politische Täterschuld menschenverachtender Versuche hinweisen und erinnern möchte? Lassen doch Valtonens Handlungsstränge, denen zufolge „die Drohungen“ auf Joes zweite Gattin, Miriam, und auf „die Töchter ausgeweitet“ wurden, an die nationalsozialistische Praxis der „Sippenhaft“ erinnern.

Der „Epilog“ von Valtonens Romanwerk ist tragisch wie hoffnungsschimmernd zugleich. „Auch wenn so vieles auf dieser Welt falsch lief“: „Joe war glücklich“ (S. 574).

Vor kurzem hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung resümiert: „In der Schlussphase zieht das Tempo dann noch einmal kräftig an und mündet in ein furios dramatisches Finale, in dem – der Preis für all die turbomoderne Hysterie – gleich mehrere Leben zerstört werden“.

Valtonen brilliert als ein Meister der Sprachkunst (Ellipsen) und rochiert gerne mit inhaltlichen „Verstellungen“. Er „verwandelt“ die Leser zu „Schlafwandlern“ und es gelingt ihm glänzend, sie hilflos einer „seelenkundlichen Neugier“ auszuliefern.

Jussi Valtonen: Zwei Kontinente (Übersetzung: Elina Kritzokat), Verlag Piper, München, Berlin und Zürich 2017, 576 S., 24,00 Euro, eine Rezension von Dr. Michael Peters in der Deutsch-Finnischen Rundschau 174.

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