Rezension: Leena Lehtolainen: Schüsse im Schnee

18. Juli 2017 | Von | Kategorie: Aktuell, Rezensionen

Schon auf der ersten Seite dieses Krimis, als Hilja Ilveskero zu ihrem bislang vier­ten Auftrag aufbricht, fallen die für die deutsche Aus­gabe titelgeben­den Schüsse. Dieses Mal wurde die Personen­schützerin von der 92-jährigen Lovisa Johnson engagiert, die auf dem abgelege­nen Gut Loberga Gård lebt und um ihr Leben bangt. Gelegentlich spukt es in den alten Gemäuern, doch Unheil droht der rüsti­gen Dame mit der erstaunlichen Verfassung (sie schwimmt auch im Eisloch) offenbar aus anderem Grund. In Leser­briefen bezieht sie klar Stellung zu gesellschaftlichen Fragen: „Ich habe keine Angst, dass die Migranten uns uralte Geschlechterrollen aufzwingen wollen. Eher bereiten mir diejenigen in der eigenen Bevölkerung Sorgen, die die Neuankömmlinge als Vorwand benutzen, um die Position von Frauen zu verschlechtern.“ Vor allem mit dieser Äußerung hat sie sich manche Hassparole und sogar Morddrohungen ihrer Landsleute zugezogen.

Unruhe stiften aber auch die Groß­nichten und -neffen mit ihren Interessen. Dubiose Energiepolitik, Flüchtlingskrise und ausländerfeindliche Bürgerbewegungen, ein bedrängter Homosexueller aus einer homophoben russischen Kleinstadt, Umweltaktivismus, Esoterik und der idealistische Einsatz eines Arztes – das alles verknüpft Lehtolainen zu einem komplexen Gewebe. Hilja und damit auch der Leser erfahren allmählich mehr über die Hauptpersonen, ihre Aktivitäten und ihre möglichen Geldnöte. Vor wem muss sich die reiche ehemalige Unternehmerin Lovisa Johnson am meisten in Acht nehmen?

Wirkt die Fülle der Problemthemen – „auch das noch“, denkt man schon mal – mitunter etwas bemüht, so versteht es Lehtolainen doch, die Haupt­figuren zu glaubwürdigen Charakteren zu formen, Handlungsstränge geschickt zu verknüpfen und mit rasantem Erzähltempo für Spannung zu sorgen.

Ich-Erzählerin Hilja hat am Ende auch viel von sich und ihrer Biografie preisgegeben und erweist sich als schillernde, kräftige Person und Persönlichkeit, die mit ihren 1,80 Metern Körpergroße auch schon mal für einen Mann gehalten wird. Aber sie ist doch ganz Frau und verführt den vermutlich 61. Mann (worüber sie nicht Buch führt, aber über 60 dürften es schon gewesen sein).

Auf den 380 Seiten findet sich von allem etwas – nicht zuletzt auch finnische Geschichte und Lokalkolorit der Hauptstadtregion. Von Loberga Gård ist es etwa eine Autostunde bis Helsinki, wo sich Lovisa Johnson gern im Café Ekberg mit alten Bekannten trifft, während Hilja sich einen Drink in der Ateljee Bar des Hotels Torni gönnt und von der Toilette den Ausblick über die Hauptstadt genießt.

Nur ungern habe ich das Buch aus der Hand gelegt bis zur Auflösung. Die kommt auch für Hilja überraschend und bringt sie selbst in tödliche Gefahr. Was nur konsequent ist, ist Hilja doch Bodyguard und nicht Kommis­sarin. Am Ende fügen sich (fast) alle Puzzle­teile ineinander. Offen bleibt allenfalls, ob Hilja auch noch den zweiten männlichen Protagonisten herumkriegt.

Schüsse im Schnee (Tiikerinsilmä, Übersetzung: Gabriele Schrey-Vasara), Rowohlt Verlag Reinbek, 2017, ISBN 978 3 463 40687 9, 19,95 Euro. Eine Rezension aus der Deutsch-Finnischen Rundschau 173 von Siegfried Breiter

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