Rezension: Minna Lindgren: Sherry für drei alte Damen oder Wer macht das Licht aus?

14. September 2017 | Von | Kategorie: Aktuell, Rezensionen

Mit ihrer Trilogie über die Seniorenresidenz Abendhain ist Minna Lindgren fürwahr ein großer Wurf gelungen. Sie erzählt von den drei hochbetagten Freundinnen, deren Geburt in eine Zeit fiel, als man noch Stummfilme drehte und die Sowjetunion gründete.

Es ist die Geschichte von Siiri, die die Dinge mit Vernunft angeht, Irma, der Froh­natur, und Anna-Liisa, die die Strenge des Lehrerberufs nie wirklich ablegen kann. Mit ihnen hat Lindgren dem heuti­gen Jugendwahn die Würde der Lebenserfahrung und eine Riesenportion Humor entgegengesetzt.

In dem nun vorliegenden dritten Band kehren die Damen an ihren frischrenovier­ten Alterssitz zurück. Wären sie doch nur in ihrer Multi-Kulti-WG am Hakaniemi­tori geblieben! Denn das, was sie in der Resi­denz erwartet, ist das Pflegekonzept der Zukunft, eine computerbasierte Versuchs­anordnung mit ihnen als Versuchskanin­chen. Pfleger werden nicht mehr gebraucht, denn Fußbodensensoren melden, wenn ein Senior stürzt oder ohnmächtig in seinem Zimmer liegt. Smarthosen geben in Echtzeit weiter, wie dringend das Bedürfnis des Toilettengangs tatsächlich ist. Und das Essen kommt aus dem 3D-Drucker. Wer da nicht mitkommt, bleibt auf der Strecke und stirbt gar in den Klauen des Pflegeroboters, wenn der Strom ausfällt.

Der einzige feste Mitarbeiter scheint ein gewisser Systemadministrator zu sein, der über eine Smartwand mit den Senioren kommuniziert. Pflege ist teuer, da gilt es zu sparen, koste, was es wolle.
Wer da meint, das alles gäbe es nicht, sollte vorsichtig sein. Bei der Recherche zu dieser Parodie der Zukunft hat sich Lindgren, wie sie in einem Interview einmal erzählte, natürlich eingehend mit der Pflege- und Gesundheitstechnologie beschäftigt. Mit Erschrecken habe sie feststellen müssen, dass einige Maschinen, die sie meinte, für die Seniorenresidenz erfunden zu haben, tatsächlich bereits erprobt werden.

Neu sind die freiwilligen Helfer der neuen Betreibergesellschaft der Residenz, die, anstatt sich um die Pflege zu kümmern, das Seelenheil der Heimbewohner im Diesseits und Jenseits im Sinn haben. Diese fanatischen Sektenmitglieder, die es auf die Barschaft der alten Leute abgesehen haben, sind der einzige menschliche Kontakt, der den meisten von ihnen bleibt. Dafür öffnen die Alten bereitwillig ihr Portemonnaie. Und zu guter Letzt geht es auch um Erbstreitigkeiten. Anna-Liisas verstorbener Ehemann hat ein beträchtliches Vermögen hinterlassen, auf das es gleich mehrere Personen abgesehen haben.

Was kann man unter diesen surrealen, ja geradezu kafkaesken Bedingungen eigentlich tun? Man kann resignieren und aufgeben oder es so machen, wie die coolen Damen: es mit Humor nehmen – und sich wehren! Wie sonst hätten sie die letzten 90 Jahre überstanden. Das Alter ist die Zeit der geistigen Befreiung. Man darf so sein, wie man ist, und tun, was man will. Minna Lindgren lässt sie gewähren. Darauf einen Sherry!

Minna Lindgren: Sherry für drei alte Damen oder Wer macht das Licht aus? (Ehtoolehdon tuho, Teos, 2015), übersetzt von Nina und Jan Costin Wagner, Kiepenheuer & Witsch, 2017, ISBN 978-3-462-04916-9, 14,99 Euro, Eine Rezension von Petra Sauerzapf-Poser in der Deutsch-Finnischen Rundschau 174.

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