Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden

30. September 2014 | Von | Kategorie: Rezensionen

taubenDie Handlungsstränge von Sofi Oksanens Als die Tauben verschwanden sind so eng und dicht verwoben, wie auch die Beziehungen der Menschen verflochten sind, von denen er erzählt. Wie schon in ihren Vorgängerromanen hat Oksanen den historischen Hintergrund Estlands für ihre Geschichte gewählt.

Die Handlung springt zwischen den 1940er Jahren unter deutscher Besatzung und den 1960er Jahren als Teil der Sowjetunion und vier Personen hin und her. Da ist zum einen Rosalie, deren früher Tod den Roman wie ein Phantom durchzieht. Ihr Verlobter Roland kämpft unter beiden Besatzungen für ein unabhängiges Estland. Sein Ziehbruder Edgar ist die Kernfigur des Romans. Unglücklich mit Edgar verheiratet ist Juudit, die ihr Glück in der Liebe zu einem deutschen Offizier sucht. Wie lebt man unter einer Diktatur? Die drei Figuren Juudit, Roland und Edgar geben hierauf sehr unterschiedliche Antworten. Juudit bemüht sich, das Politische auszublenden und nur auf ihre Gefühle zu hören. Doch das will ihr nicht gelingen. Wie schon in Fegefeuer und Stalins Kühe spiegelt Oksanen die Unterdrückung der Frau und ihre Handlungsmöglichkeiten im historischen Kontext. Roland ist der einzige, dessen Erlebnisse wir direkt und ungefiltert aus der Ich-Perspektive geschildert bekommen. Dennoch bleibt er die unzugänglichste Figur. Für seine politischen Ziele stellt er seine eigene Persönlichkeit zurück, wird hart und unnahbar und passt sich dem Leben im Untergrund an. Es zeigt Oksanens großartige Erzählkunst, dass sich diese mentale Haltung Rolands auch in seiner Erzählhaltung wiederfindet.

Während Roland und Juudit altruistische Ideale vertreten, hat Edgar nur ein Lebensziel: Seinen eigenen Ruhm, sein Überleben. So passt er sich nicht an, sondern wird jeweils Teil des Systems, vom Lagerwärter für die Nazis zum Spitzel für die Sowjets. Für seinen Erfolg ist er bereit, über Leichen zu gehen. In den 60er Jahren arbeitet er an einem Buch über die Nazibesatzung, und der Leser verfolgt hautnah sein Spiel: Seine eigenen Taten werden zu denen Rolands und umgekehrt, der Verräter zum Helden, der Held zum Verräter.

Oksanen ist erneut ein Roman gelungen, der von der ersten Seite an packt und mitzieht. Sie begleitet ihre Protagonisten beobachtend, nicht wertend. Nichts Menschliches ist ihr fremd. Gerade diese scheinbar neutrale Erzählhaltung ist es, die die psychologischen Studien, das Eintauchen in die Charaktere so realistisch erscheinen lässt. Trotz der blutigen Zeiten, in denen der Roman spielt, kommen Morde und Folter nur am Rande vor. Viel präsenter ist die Macht des Wortes. Darauf beruht auch Edgars Erfolg und er erinnert sich daran, „wie auf magische Weise Dinge wahr wurden, wenn man sie laut aussprach oder niederschrieb.“ Oksanen ist ein Vexierspiel zwischen Wahrheit und Lüge, Vertrauen und Verrat gelungen, das mehr einem Thriller als einem historischen Roman gleicht.

Als die Tauben verschwanden ist kein Wohlfühltext. Der Roman lässt einen mit nagenden Fragen zurück. Trotzdem sei dieser großartig von Angela Plöger übersetzte Roman voller Poesie und Wortgewalt allen empfohlen, die keine Scheu vor menschlichen Abgründen haben.

Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden. Kun kyyhkyset katosivat, aus dem Finnischen von Angela Plöger. Kiepenheuer & Witsch 2014, 19,99 Euro.
Eine Rezension aus der Deutsch-Finnischen Rundschau 162 von Saskia Geisler.

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