Sofi Oksanen: Stalins Kühe

20. Juli 2014 | Von | Kategorie: Rezensionen

stalins kuheWer Fegefeuer gelesen hat, den ersten ins Deutsche übersetzten Roman Sofi Oksanens, wartete gespannt auf die zweite Möglichkeit, der Autorin literarisch zu begegnen. Mit Stalins Kühe – tatsächlich Oksanens Debütroman – ist sie in diesem Jahr auf Deutsch, meisterhaft übersetzt von Angela Plöger, erschienen, und wieder stürzen die Leser/innen mitten hinein in eine unfassbar gut, packend, gleichermaßen rasant schnell wie quälend verlangsamt beschriebene Welt. Wie der geht es um das Leben zwischen estnischer und finnischer Identität, diesmal entwickelt an drei Frauen aus drei Generationen. So springen die Kapitel auch durch die Zeiten von der Besetzung Estlands im und nach dem Zweiten Weltkrieg über die sowjetische Zeit und die Zeit der versuchten Integration in die finnische Gesellschaft bis in die Gegenwart.
Ich-Erzählerin ist Anna, die jüngste der drei Frauen – Tochter eines finnischen Vaters und einer nach Finnland ausgewanderten estnischen Mutter. Anna ist nicht einfach Anna – sie ist eine junge Frau ohne wirkliche Identität, und sie hat, lebt, ist – Essstörung. Eine Mischform aus Anorexie (Magersucht) und Bulimie (Ess-Brech-Sucht) bestimmt das Leben und Sein, das Selbstgefühl, die Beziehungen der jungen Frau. Rastlos und gleichgültig ist sie im Wechsel und bis zum Übermaß, nicht haltbar, nicht zu finden, eine Frau, die nie wissen durfte, was sie will, und die deshalb nur, so sagt sie es selbst, eine Religion hat, das Essen. Ihr Körper soll vollkommen sein, über ihn und das Essen gewinnt sie Wirksamkeit und Stärke – alles andere ist unsicher und dabei überwältigend: die emotionalen Höhen und Tiefen, die Abstürze und Einbrüche im Lebenslauf, die Traumatisierung aus der Familiengeschichte heraus, die Krieg, sowjetische Arbeitslager, Verrat, Misstrauen und Unterdrückung umfasst.
Annas Mutter verleugnet ihre Herkunft, hat Anna die estnische Sprache verboten, fährt aber gleichzeitig mit ihr immer wieder nach Estland, um dort Schwarzmarktgeschäfte zu tätigen und die zurück gebliebene Herkunftsfamilie zu unterstützen. Alles ist krank in dieser Welt – Anna am sichtbarsten, aber auch die Familie mit ihren Täuschungen und Lügen, der notorisch fremdgehende Vater, die kommunistische Gesellschaft, die Vorurteile in Finnland gegen die Estinnen als vermeint-liche russische Huren. Und auch der Titel des Buches – sind doch die angeblich fetten Kühe des stalinistischen Russlands nichts anderes als magere Ziegen. Es gibt also Vieles herauszukotzen
… Sofi Oksanen spielt nicht nur brillant mit sprachlichen Mitteln, nachfühlbar und miterlebbar mit Annas intensiven Sinneseindrücken, sondern lässt die Geschichten und Bilder der drei Generationen aus fundierter Kenntnis historischer Hintergründe wie des Krankheitsbildes Bulimie wachsen.
Ein außergewöhnliches, ein bereicherndes Buch!

Sofi Oksanen: Stalins Kühe, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012, aus dem Finnischen von Angela Plöger, 496 Seiten, 22,99 Euro, ISBN 978-3-462-04374-7
Eine Rezension von  Jessika Kuehn-Velten aus der Deutsch-Finnischen Rundschau 155.

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