Tarja Sohmer: Das Verbleichen der weißen Stadt

27. April 2014 | Von | Kategorie: Rezensionen

verbleichenEin tragisches Familiendrama ist die Wirklichkeit, das Leben in der weißen Stadt zwischen blauem Meer und blauen Bergen nur ein Traum: Davon erzählt der Roman Das Verbleichen der weißen Stadt von Tarja Sohmer, schon seit langem in Deutschland lebende finnische Autorin, Journalistin und Kulturmanagerin.
Das Schicksal zweier Familien im Finnland der 1970er Jahre, eine aus der Stadt stammend, die andere auf dem Lande lebend, ist verknüpft zunächst durch die Begegnungen im Sommerurlaub, in dem alle Kinder und Jugendlichen beider Familien gemeinsam auf dem Hof helfen. Die Wirrungen der Liebe kommen hinzu – und schließlich die zerstörerische Kraft eines schrecklichen Unfalls, von Angst, Schuld und Hass.
Plötzlich ist nichts mehr so, wie es war im Leben der Ich-Erzählerin Jaana. Und obwohl sie nur indirekt Beteiligte war, treffen die Auswirkungen gerade Jaana mit voller Härte. Ein Traum nach dem anderen verbleicht, zerbricht, geht verloren: Der Traum der duftenden Sommer bei der Heuernte, der Traum von Familie und Geschwisterbindung, der Traum der Liebe zwischen ihr und Jussi vom Hof und vom glücklichen Leben auf dem Lande, der Traum vom Entdecken der weißen Stadt, die für Entwicklung, Wunscherfüllung, Ziele und Pläne, Sorglosigkeit und Reichtum steht, der Traum der Unschuld. Irgendwie, ja irgendwie rettet Jaana einen Teil ihres Ichs aus den Scherben, aus dem Geflecht aus Gewalt, Unverständnis, Sprachlosigkeit – aber den Schrecken des Dramas wird sie nicht los, und so erfährt gleich zum Anfang des Buches, der in einer Art kleiner Rahmenerzählung Jaana als Erwachsene und Mutter vorstellt, ihre Tochter, warum sie Einzelkind bleiben und nie Geschwister haben wird. Jaana lebt ein fragiles Gleichgewicht zwischen Verrückt-Sein und Kampfgeist, Desillusion, Gestaltungswillen und Hoffnung…

Tarja Sohmer lässt die Leser/innen in Jaanas Welt eintauchen, schafft dies durch die konsequente Orientierung des Romans an der Entwicklung des Mädchens, an Jaanas Sicht auf die Welt, ebenso wie durch eine Sprache zwischen Kargheit und Traum, die zu Jaana vollkommen zu passen scheint, aber die Leser/innen auch abholen kann. Denn wir alle haben doch unsere weißen Städte verloren, hinter uns gelassen oder gefunden … Ein kraftvoller Erstlingsroman, der in seinen Figuren überzeugt und thematisch berührt.

Tarja Sohmer: Das Verbleichen der weißen Stadt, Heiner Labonde Verlag, Grevenbroich 2014, 180 S., gebundene Ausgabe, 23,80 Euro.
Eine Rezension aus der Deutsch-Finnischen Rundschau 160 von Jessika Kuehn-Velten

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